Stell dir vor, es ist Sonnenfinsternis, und keiner guckt hin

Es ist doch zum Weinen. Da kriegen wir eine Sonnenfinsternis – mit einem relativ beachtlichen Bedeckungsgrad von ca. 78 % – und es ist so bewölkt, dass man nicht den kleinsten Fitzel davon sieht – abgesehen von einer ganz leichten Verdunkelung, die nicht zur Tageszeit passt, die aber auch einen bevorstehenden Sturm oder Starkregen ankündigen könnte.

Aber wenn man die Mehrheit der Leute hier fragt (oder zumindest die vokale Mehrheit hört), war das ja sowieso für uns alle das Beste. Was habe ich in den letzten Tagen für einen Mist gehört. Der Vorsitzende des Verbands deutscher Augenärzte wünscht doch allen Ernstes Regenwetter, damit niemand seine Augen gefährdet. Ins gleiche Horn trötet die Leiterin eines örtlichen Kindergartens, „zur Sicherheit der Kinder“.

Hallo?! Wie wäre es, wenn man die Leute (auch die Kinder) einfach mal rechtzeitig darüber aufklärt, dass es extrem gefährlich ist, in die Sonne zu schauen – selbst wenn sie zu einem großen Teil hinter dem Mond versteckt ist? Wie wäre es, ausreichend „Sonnenfinsternisbrillen“ zu besorgen und klar zu stellen, dass die historischen „Schutzmethoden“ – berußte Glassscherben – und auch die moderneren Varianten – Rettungsdecke und Schweißerbrille (was übrigens laut NASA beides durchaus als Schutz taugt, aber was weiß die NASA schon von Sonnenfinsternissen? :P) oder, erstaunlich beliebter Tip, CDs – nicht sicher sind und man sich deswegen trotzdem besser eine spezielle Schutzbrille besorgt? Wie wäre es, die einfachen, aber effektiven Projektionsmethoden vorzustellen, mit denen man völlig gefahrlos mit dem Rücken zur Sonne eine Finsternis beobachten kann?

Neeeeein, man macht lieber Angst vor Augenschäden, die sich vermeiden lassen, und wünscht sich deshalb schlechtes Wetter für die ganze Republik.

Wobei ich hier nicht mal den Schulen und Kindergärten die Schuld geben will, denn dass die sich vor potenziellen Klagen so gut wie möglich schützen wollen, versteh ich sogar. Eigenverantwortung ist ja so was von 1999.

Aber muss das sein? Da haben wir nun das Wissen und die Mittel, um ein solches Ereignis entspannt und gefahrlos beobachten zu können, und stattdessen suhlen wir uns lieber wohlig in Angst und Schrecken. Zumindest hat die Bergische Morgenpost in der vergangenen Woche diesen Eindruck vermittelt und vermutlich war sie damit nicht allein.

Ähnliches gilt für all die Katastrophenszenarien zur Stromversorgung. Klar: Besser, man warnt die Leute vorher vor potenziellen Blackouts, als wenn alle davon überrascht werden. Ist ja gut und ehrlich, wenn die Netzbetreiber erklären, dass sie zwar Notfallpläne haben, diese aber eben noch nicht in der Realität erprobt sind und man deshalb letztlich nicht weiß, was genau passieren wird. Prima. Nur: Auch so kann man (offenkundig) allen den Spaß an einem eigentlich wunderschönen, spektakulären Naturschauspiel verderben.

Naja, sicherlich haben viele, viele Deutsche – bei denen es nicht so bewölkt war wie im Bergischen – die Sonnenfinsternis trotzdem beobachtet und zu schätzen gewusst. Aber wenn man so in die Zeitungen schaut, möchte man verzweifeln. Das Zeitalter der Aufklärung ist vorbei. Lieber malen wir uns ganz mittelalterlich die allerschönsten Weltuntergangsszenarien aus.

Man möchte brechen.

Trotzdem einen schönen Frühlingsanfang! Über irgend etwas muss man sich ja freuen.

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