Pilgererfahrung auf vertrauten Wegen

Immer der Jakobsmuschel nachEin Abschnitt des Jakobswegs führt unten durchs Eifgental, beinahe direkt vor der Haustür. Auch meine Geburtsstadt liegt am Pilgerweg. Ein Kommilitone radelte einst von Köln bis Santiago de Compostela und berichtete beseelt von der Reise, der Selbsterfahrung und den schönen und skurrilen Begegnungen unterwegs. Das Thema Pilgern begegnet mir also nicht erst seit dem Erfolg von „Ich bin dann mal weg“ immer wieder. Irgendwann wollte ich das auch einmal machen.

Doch wie das so ist: „Irgendwann“ schiebt man immer vor sich her. Nach dem Studium, wenn die Kinder größer sind, später, vielleicht im Rentenalter? Nun bot sich direkt nach Jahresbeginn die Gelegenheit, das Pilgern im Kleinen auszuprobieren: mit einer Gruppe von zehn Personen, die auf der Strecke von Beyenburg nach Köln erfahren wollen, was das Pilgern ausmacht. Unterstützt wurden wir dabei vom Pilgerbegleiter Stefan Höne.

Die Zweifel beginnen schon am Morgen. Es ist kalt, der Wind pfeift um die Häuser, schließlich beginnt es auch noch zu nieseln. Eine Wandertour würde man bei diesem Wetter wohl absagen. Gepilgert wird trotzdem. Schließlich geht es beim Pilgern nicht um Genusswandern. Die schöne Natur, die Jausenhütte oder die sportliche Leistung spielen eine untergeordnete Rolle. Die erwanderte Strecke ist lediglich Ausdruck einer inneren Reise. Dazu gehört, sich überhaupt erst einmal auf den Weg zu machen. Wir beenden das Frühstück und gehen hinaus in den Nieselregen. Ein anderer Teilnehmer leiht mir sein zweites Regencape.

Und siehe da: Nach kurzer Zeit ist das Wetter egal. Die kalten Zehen beginnen zu kribbeln, bald sind sie wohlig warm. Der Waldboden federt angenehm unter den Füßen. Der Wind hat nachgelassen, und den Regen nehme ich kaum noch wahr.

Vor dem Losgehen hat Stefan Höne uns passend zum Jahresbeginn eingeladen, eine Reise in die Zukunft zu wagen. Wir sollen uns vorstellen, ihn in einigen Monaten wiederzusehen und uns an einem schönen Ort mit ihm zu unterhalten. Die Fragen, die er uns stellt, sollen wir also aus der zukünftigen Perspektive beantworten. Was für eine lustige Gedankenübung.

Schwierig ist sie außerdem. Woher soll ich wissen, wie es mir in einem halben Jahr geht? Wie kann ich sagen, welche Projekte zwischenzeitlich gut gelungen sein werden oder wie ich mich dann fühlen werde? Soll ich realistisch sein oder einfach wild träumen? Wie geht es mir überhaupt jetzt? Was liegt vor mir? Ich stelle fest, dass die Fragen nach der Zukunft mich unweigerlich in die Gegenwart führen. Umso erstaunlicher, als ich normalerweise eher an die Zukunft denke als an das, was gerade hier und jetzt ist.

Die Herausforderung ist Teil des Konzepts. „Durch Fragen, die zunächst irritierend wirken, kann ich dabei helfen, festgefahrene Gedankenmuster zu durchbrechen und neue Lösungsansätze für Probleme zu finden,“ erklärt Stefan Höne. Die symmetrische Bewegung beim Pilgern hilft dabei, denn sie aktiviert beide Gehirnhälften gleichermaßen. Plötzlich werden Themen, die man sonst rein emotional betrachtet, auch rational beurteilt – oder umgekehrt. Zudem sei das Pilgern bereits ein Ausbruch aus dem Alltag. Man verlässt sein Zuhause, übernachtet an immer wechselnden Orten, begegnet fremden Menschen und gewinnt einen neuen Blick auf die Wirklichkeit. Die Begegnung mit anderen Pilgern und dem anderen Lebensstil, die man bei einer langen Pilgerfahrt erlebt, regt der Pilgerbegleiter auf seinen vergleichsweise kurzen Touren durch die Gruppensituation und Themenschwerpunkte an. So nutzt er verschiedene Werkzeuge etwa aus der systemischen Beratung, der Achtsamkeitsmeditation oder der Abenteuerpädagogik. Die Wertschätzung innerhalb der Gruppe und die Erfolgserlebnisse am Ende der einzelnen Etappen bauen zudem die Resilienz auf, also die Fähigkeit, mit Rückschlägen oder tragischen Erlebnissen zurechtzukommen.

Das klingt nun sehr psychologisch. Pilgern als Therapie? „Viele Teilnehmer kommen mit konkreten Problemen oder Wünschen zum Pilgern,“ bestätigt der Pilgerbegleiter. Diese Bedürfnisse greift er thematisch auf, lädt teilweise auch Partner ein, die vertiefend zu Themen wie Kommunikation oder Ernährung sprechen. Wenn ein Teilnehmer größeren Redebedarf hat, besteht auch die Möglichkeit, sich abends noch mit dem Pilgerbegleiter zusammenzusetzen. Auf lange Sicht träumt Stefan Höne deshalb von einem Netzwerk von Pilgerbegleitern, die auf unterschiedlichen Strecken bestimmte Themenschwerpunkte abdecken. Eine ärztliche Beratung oder psychologische Behandlung kann und will der Pilgerbegleiter aber nicht ersetzen. „Wer wirklich Hilfe braucht, muss sich an die entsprechenden Fachleute wenden,“ schränkt Stefan Höne ein. Er gebe lediglich Impulse.

Teilweise geht es den Teilnehmern aber auch einfach nur um Entspannung. „Wer eine Firma leitet und pausenlos wichtige Entscheidungen treffen muss, ist froh, wenn er beim Pilgern der Gruppe hinterhertrotten darf,“ schmunzelt der Pilgerbegleiter. Da er die Strecke plant, die Unterkünfte bucht und genaue Packanweisungen gibt, sind die Teilnehmer nur für ihr eigenes Befinden verantwortlich. Wer ins Gespräch kommen möchte, kann das tun. Wer lieber für sich allein geht, seinen Gedanken nachhängt oder die Landschaft genießt, kann das ebenfalls tun. Die Anregungen, die Stefan Höne unterwegs gibt, kann man annehmen oder auch nicht. Auch das Tempo wählt jeder für sich. Diese Freiheit ist wohltuend und führt auch dazu, dass man sich plötzlich Dinge traut, die einem sonst vielleicht unangenehm wären. Beispielsweise mit gerade noch Wildfremden über Glaubensfragen zu sprechen. Oder die angebotene Regenjacke einfach anzunehmen, ohne zu grübeln, ob daraus irgendeine Verpflichtung entsteht.

Oder gemeinsam zu singen. Beim Zwischenstopp an der Neuemühle lädt Singcoach Mike Badtke zum „chanten“ ein. Zu Gitarre und Trommel werden einfachste Lieder gesungen, meistens nur eine Strophe, vielfach wiederholt. Das könnte peinlich werden. Doch in der Pilgergruppe lasse ich mich auf das Wagnis ein. Zum Glück. Der Gesang klingt wohltuend harmonisch und macht Freude. Obwohl die Akustik im Keller der alten Mühle eigentlich ungünstig ist, obwohl die wenigsten von uns professionelle Gesangserfahrung haben. Niemand wird zum Mitmachen gezwungen, man könnte ebenso gut oben im Gastraum zu Mittag essen. Vielleicht machen genau deshalb alle mit. „Dass eine Gruppe alle Angebote abblockt, habe ich noch nicht erlebt,“ bestätigt Stefan Höne. „Die Menschen kommen ja mit, weil sie an sich arbeiten wollen.“ Auch wenn Menschen aus unterschiedlichen Gründen pilgern, sei das Motiv der Suche bei allen zu erkennen. Manche suchen nach dem Sinn ihres Lebens, andere nur Abwechslung vom Alltag. Manche suchen nach einem Weg, mit Trauer oder Ängsten umzugehen, andere wollen entschleunigen. Manche suchen nach sich selbst, andere suchen nach einer höheren Macht. Man muss jedoch nicht religiös veranlagt sein, um pilgern zu dürfen. Stefan Höne erkärt es so: „Das Leben ruht auf vier Säulen – Soziales, Gesundheit, Spiritualität und Berufung. Der Wunsch zu Pilgern entsteht oft, weil ein Ungleichgewicht zwischen diesen Säulen entstanden ist.“ Das Pilgern berühre all diese Aspekte und sei deshalb besonders geeignet, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen.

Naturerlebnis auf dem bergischen Pilgerweg

Einzeln oder in kleinen Grüppchen geht es weiter in Richtung Altenberg. Die Strecke bin ich schon mehrfach gewandert. Dennoch komme ich heute immer wieder ins Staunen. Wie wild und abenteuerlich die Landschaft teilweise wirkt, voller umgestürzter Bäume, Felsen und unerwarteter Flussbiegungen! Wie unterschiedlich sich der vertraute Eifgenbach je nach Entfernung zum Weg anhört! Wie sich die Geräusche und das Licht verändern, wenn man die düsteren Tannen hinter sich gelassen hat! Inzwischen habe ich meinen Rhythmus gefunden, jeder Schritt fällt leicht. Ich habe das Gefühl, endlos weiterlaufen zu können. Am nächsten Morgen werden mich meine Waden eines Besseren belehren, doch im Moment scheint mir die ganze Welt offen zu stehen. Selbst der Regen hat aufgehört.

Bald hole ich zwei andere Pilger ein. Sie kommen fast schon aus Rheinland-Pfalz und nehmen hier an der Pilgertour teil, weil sie dabei nichts planen müssen. Hätten sie vorher die Strecke recherchieren und Hotels buchen müssen, hätten sie sich die dreitägige Flucht aus dem Alltag eher nicht gegönnt.

Dieser Hemmschwelle begegnet der Pilgerbegleiter häufig. Er selbst ist 2013 auf dem Camino Francés nach Santiago de Compostela gepilgert. Bei Vorträgen, die er von seiner Reise hielt, hörte er immer wieder: Das Thema Pilgern reizt mich, aber ich habe einfach nicht den Mut dazu! Andere können ihre Verpflichtungen nicht wochenlang ablegen. Daraus sei der Wunsch entstanden, kurze begleitete Pilgertouren anzubieten. Bei den Strecken im Bergischen Land entfällt die lange Anreise, man muss sich auch keine monatelange Auszeit nehmen. Die Touren sollen dennoch mehr sein als nur ein Vorgeschmack auf eine längere Pilgerfahrt. „Das Wichtigste am Pilgern ist, dass man sich überhaupt dafür entscheidet, sich auf den Weg zu machen,“ erklärt Stefan Höne. „Ein Aspekt des Pilgerns ist der Fokus auf dem Hier und Jetzt. Es ist egal, wo man morgen ist oder was später einmal daraus werden könnte.“

Das Konzept geht auf. Immer wieder kommen ehemalige Teilnehmer zu den regelmäßigen Pilgertreffen und berichten, dass die Pilgertour ihnen den Anstoß gegeben hat, etwas an ihrem Leben grundlegend zu verändern. „Eine andere Teilnehmerin meinte hinterher, so viel Gelassenheit wie nach dem Pilgern hätte sie bisher nur nach einem zweiwöchigen Segeltörn erfahren,“ erinnert sich Stefan Höne. Manche Teilnehmer werden zu Wiederholungstätern und nehmen immer wieder an den begleiteten Touren teil. Andere schwärmen einfach nur von der intensiven Selbst- und Wirklichkeitserfahrung, die sie gemacht haben. Nicht zuletzt seien die Pilgertouren im Bergischen Land auch Werbung für die Region. „Die Wege sind wunderschön und viel zu wenig bekannt. Man kann hier ebenso authentische Pilgererfahrungen machen wie auf dem Camino Francés.“ Schlechtes Wetter inlusive: „In Nordspanien bin ich noch im Mai durch Graupelschauer gelaufen,“ berichtet der Pilgerbegleiter.

Auch hier frischt es wieder auf. Die Brillengläser sind beschlagen und voller Regentröpfchen, erkennen kann ich nicht mehr viel. Außerdem beginnt es zu dämmern. Da kommen die Zweifel wieder. Der Weg ist schmal und ausgewaschen, Wurzeln und Steine zwingen mich zum Ausweichen. Im Dunklen möchte ich hier nicht durch den Wald irren. Müsste ich nicht überhaupt schon längst da sein? Habe ich mich etwa verlaufen? Schließlich kann ich zwischen den kahlen Bäumen den vertrauten Umriss des Altenberger Doms erkennen. Fast geschafft! Die Erleichterung ist fast so groß, wie man es sich für das Ende einer wochenlangen Pilgerschaft vorstellt. Beim Abschlusskreis fassen wir uns im Schatten des Doms an den Händen. Stefan Höne spricht ein Dankgebet und fragt, ob jemand noch etwas hinzufügen möchte. Mir fällt nichts ein. Das Herz ist voll, der Kopf ist leer.Alternberger Dom

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