Nicht nur die Gärtnerin ist ungeduldig

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Auch die Kartoffeln können den Frühling nicht mehr abwarten und sind dem Winterlager entwachsen!

Das ist insofern blöd, als die Kartoffeln eigentlich erst im April dran sind. So lange werden diese Exemplare sicher nicht mehr durchhalten, die müssen bei nächster Gelegenheit in den Boden. Für die Kartoffeln ist das letztlich egal –  in den letzten Jahren immer versehentlich ein paar Kartoffeln im Boden überwintert haben, die dann im Frühjahr einwandfrei ausgetrieben und im Herbst ebenso viel gebracht haben wie diejenigen, die ich erst im April „gesät“ habe, also weiß ich mit ziemlicher Sicherheit, dass Kartoffeln selbst im rauhen bergischen Klima problemlos zu jeder Jahreszeit gesetzt werden können – aber die Beete sind ja noch gar nicht so weit! Ich muss ja erst noch den Komposthaufen umsetzen und den Mist beim Ponyhof abholen und… und…

Aber es hilft alles nichts, es muss endlich mal ein paar trockene UND halbwegs Tage geben, an denen ich diese Vorbereitungen abschließen kann. (Wenigstens frostfrei? Bitte bitte?)

Da die gewöhnlichen gelben Kartoffeln im dunklen Winterlager nun schon gefährlich lange Triebe entwickelt haben, habe ich die wertvolleren blauen und roten Kartoffeln gleich in den kalten, aber hellen Flur umgesiedelt. Wie ich neulich gelesen habe, soll das dazu führen, dass die Keime kürzer und kräftiger geraten. Bisher funktioniert’s, aber Heiderot und Vitelotten hatten es auch bisher generell nicht so eilig wie die Cilenen aus dem Vorrat.

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Während ich den Austrieb der Kartoffeln mit leichter Panik zur Kenntnis nehme, freue ich mich über die ersten Keimlinge von der Fensterbank. Sechs Tage ist es her, dass ich endlich das Mini-Gewächshaus mit Eierkartons und den ersten Samen bestückt habe:

keim01Die Ehre der ersten Voranzucht des Jahres gebührt dem Kopfsalat „Attraktion“ sowie den Tomaten- und Paprikapflänzchen, die jeden Vorsprung gebrauchen können. Zufällig war das Ganze auch noch ein kleines Experiment, denn ich wollte doch mal wissen, was nun wirklich dran ist an der Sache mit der Gärung.

Wann immer ich über die Gewinnung eigenes Tomaten-Saatguts gelesen habe, hieß es, man müsste ZWINGEND! über ein aufwändiges, mehrtägiges Gärungsverfahren die Schleimschicht entfernen, die sich rund um die Tomatenkerne befindet. Diese verzögere nämlich sonst die Keimung, weil sie im Boden erst abgebaut werden müsse. Da ich bereits mehrfach ganz ohne diese Behandlung eigene Tomatensamen gesammelt und erfolgreich ausgesät hatte, überraschte mich das ein bisschen. Ich hatte nie den Eindruck, dass meine Tomatensamen übermäßig lang zum Keimen gebraucht haben.

Am letzten Dienstag habe ich nun einen Eierkarton mit gekauften Tomatensamen bestückt, die sicher brav diesem UNBEDINGT NOTWENDIGEN Verfahren unterzogen wurden – im Bild befindet er sich oben rechts – und einen Eierkarton mit meinen eigenen Tomatensamen, bei denen ich mir die Gärerei wie immer geschenkt habe – im Bild befindet er sich oben links. Der Eierkarton unten rechts enthält die ersten Nachkommen der „Attraktion“-Köpfe, die im letzten Jahr so tapfer in meinem Garten gewachsen und geschossen sind. Unten links befindet sich eine Tomatensorte, für die anderswo kein Platz mehr war, sowie die Paprikas „Sweet Chocolate“ und „Bunte Zwerge“.

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Und so sieht das Ganze also heute, sechs Tage später, aus. Der Unterschied zwischen dem Eierkarton oben links und dem oben rechts ist nicht signifikant. Ich bin mir bewusst, dass ich damit an den Grundfesten der Saatgutaufbereitung rüttle, aber… mal ehrlich. Ja, die Tomatenpflanzen aus den gekauften Samen sind etwa einen halben Zentimeter höher als die eigenen. Sie sind also was, einen Tag früher gekeimt? EINEN TAG? Ich soll mir zwei bis drei Tage für ein Gärverfahren um die Ohren schlagen, bei denen ich auch noch riskiere, dass das Saatgut danach nicht vernünftig trocknet und schimmelt oder vorkeimt – damit sie dann EINEN Tag früher keimen? Selbst wenn es zwei Tage wären, sehe ich das überhaupt nicht ein, da steht doch der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen!

Ich frage mich also, wieso die Tomatensamen-Gärung als UNVERZICHTBAR propagiert wird, wenn sie das offensichtlich nicht ist. Ich kann doch nicht der erste Mensch auf Erden (oder im deutschsprachigen Raum) sein, der das mal hinterfragt?!

Na wie dem auch sei, ich empfehle künftigen Tomatensamengärtnern also hiermit meine Methode für faule Vermehrer: Man verteile die Tomatenkerne MIT ihrer schützenden Schleimschicht großzügig auf einem Stück Filter-, Küchen- oder Klopapier, das man auch gleich passend mit dem Namen der Tomatensorte beschriften kann. Man lasse das Ganze ein paar Tage rumliegen, bis der Schleim ausgetrocknet ist. Man falte das Papierstück zusammen und bewahre es dort auf, wo man sein Saatgut halt aufbewahrt. Ist die Zeit der Saat gekommen, pflücke man die Samen vom Trägerpapier ab (wenn ein Stück Papier daran klebenbleibt, ist das auch egal, Zellstoff ist Dünger!) und stecke sie wie gewohnt in die Erde. Bitteschön, gern geschehen, ich helf doch gerne.

(Ich nehme an, dass „meine“ Methode letztlich auf mechanischem Weg – durch Trocknen und Ausreißen – genau das erreicht, was die Gärmethode auf chemischem Weg tut. Also, die Schleimschicht muss schon weg, aber das kann man eben auch einfacher haben.)

Mal sehen, wann sich die Paprika in den Frühlingsreigen der Keimlinge einreiht…

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4 Antworten zu “Nicht nur die Gärtnerin ist ungeduldig

  1. Ich gewinne mein Tomaten-Saatgut genauso wie du und viele andere Gartenbekannte auch. Alles prima. Im Selbstversorgerforum hatten wir das Thema auch schonmal. Aus Erfahrung konnten genug Leute bekräftigen, dass ganz rustikal auf Küchenrolle geschmierte Tomatensamen exzellent keimen.
    Liebe Grüße, Oli

    • Da bin ich beruhigt, Oli! Ich war schon echt verunsichert, weil ich die Anleitung mit dem Gären nun schon so oft gesehen habe und die dann immer als alternativlos (…) dargestellt wurde. Gut, dass ich nicht die einzige bin.
      Lieben Gruß, Christiane

  2. Meine Mutter gewinnt ihr Tomatensaatgut seit Jahren wie du oben beschreibst einfach mit auf Küchenpapier streichen. Ich mache das inzwischen auch so und habe super Erfahrungen damit gemacht und finde es zum sähen auch äusserst praktisch einfach nur das Papier in den Erde legen zu müssen.

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