Buchweizen oder: Geschichte (m)eines Irrtums

Böse Zungen sagen Stadtkindern ja häufig nach, sie würden glauben, Kühe seien lila. Ich Dorfkind habe das immer für einen Mythos gehalten – schließlich kommen ja auch in Filmen und Bilderbüchern Kühe vor, die nicht in der Werbefarbe eines Schokoladenherstellers auftreten. Aber manche Irrtümer gibt es, vor denen ist man einfach nicht gefeit. Nicht einmal als Dorfkind.

So glaubte ich zum Beispiel bis vor gar nicht langer Zeit, Buchweizen wüchse auf Buchen. Ja, ich dachte wirklich, Buchweizen würde man aus Bucheckern herstellen. Vom Namen her bietet sich die Assoziation ja an und dass Bucheckern essbar sind, wusste ich als Dorfkind natürlich auch. Hier, tief im Westen, wo die Sonne sich den Staub des Ruhrgebiets wieder abwäscht, gab es nie Buchweizenfelder und bis vor wenigen Jahren hätte hier auch niemand nach Buchweizenmehl gefragt. In Köln aßen wir zwar während des Studiums gelegentlich in einem preiswerten japanischen Restaurant mittelmäßiges Sushi und hervorragende gefüllte Buchweizenpfannkuchen, aber das war ja auch eine exotische Spezialität. Nicht einmal im Honiglehrgang wurde ich stutzig, als nebenher die Buchweizenfelder der Ex-DDR erwähnt wurden. Zwar hätte mir da irgendwie schwanen können, dass man Buchen ja nicht auf Feldern anbaut, aber „Felder“ und „Wälder“ sind sich ja phonetisch recht nah…

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Hinter diesem Buchweizenwald versteckt sich eine Kartoffelpyramide.

Das komische Gewächs, das gelegentlich an den Vogelfutterstellen auftauchte, hielt ich derweil für eine Art Schlingpflanze. Die Blätter ähnelten der Trichterwinde, die Blüten waren aber enttäuschenderweise klein, rosaweiß und unscheinbar, ähnlich dem Knöterich. Eigentlich also ein langweiliges Unkraut, aber wie so oft: Die Bienen schienen das Zeug zu mögen, also durfte es in den Nischen weiterwachsen. Es zeigte sich, dass Kartoffeln sich gut mit der „Knöterwinde“ vertrugen und die kleinen, dreieckigen Früchte waren dann wieder ein schönes Vogelfutter. Und so wäre es wohl weitergegangen, hätte ich nicht vor einigen Jahren noch viel tiefer im Westen, nämlich in der Bretagne, geweilt.

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Die Franzosen nennen den Buchweizen „schwarzen Weizen“ oder auch „Sarrazenerweizen“, was die Sache auch nicht klarer macht. „Gwiniz du“ ist das Gleiche in Bretonisch, einer wunderbaren Sprache, die mit dem Walisischen verwandt, aber viel einfacher zu schreiben ist.

Nun muss man wissen, dass eins der bretonischen Nationalgerichte hauptsächlich aus Buchweizen besteht. Die Galette ist die herzhafte Schwester der Crèpe, also ein hauchdünner Pfannkuchen, in diesem Falle eben aus Buchweizenteig gebacken und herzhaft belegt. Buchweizen ist daher in der Bretagne kaum weniger omnipräsent als Artischoken oder Cidre. Und ich wusste endlich, welch‘ seltsames nicht-schlingendes Windengewächs ich da im Garten hatte!

Seitdem ich nun erstens um die Identität und zweitens um die Essbarkeit der „Knöterwinde“ wusste, fühlte ich mich natürlich verpflichtet, die Pflanze zu beernten. Immerhin zahlt man hier für Buchweizen – dank Bio-Boom und Glutenfreiheit inzwischen im normalen Supermarkt-Sortiment angekommen – ja ganz ordentlich, wenn man bedenkt, dass das Gewächs keinerlei Ansprüche hat. Der Preis ist insofern gerechtfertigt, als die Ernte etwas aufwändiger ist. Die klitzekleinen Dreiecksfrüchtchen reifen nämlich leider sehr unregelmäßig ab.

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Buchweizen, erntereif: Ein Teil der Körner ist eben leider noch nicht erntereif.

Im ersten Testjahr pflückte ich sie liebevoll einzeln ab, was in Anbetracht der geringen Anbaumenge gerade noch machbar, aber schon sehr lästig war. Danach las ich, dass manche Menschen nach dem Berühren der Früchte unter Hautreizungen leiden. Das war mir zwar zum Glück nicht passiert, machte mich aber im nächsten Jahr vorsichtiger. Außerdem war die Pflanzenmenge da auch größer – erstens hatte ich natürlich nicht alle Körner erwischt und zweitens war die „Knöterwinde“ ja nun offiziell eine Nutzpflanze – und das einzelne Pflücken nicht mehr machbar. Also hielt ich mich an die Empfehlung aus dem vielgelobten „Handbuch Samengärtnerei“, das ich mir mittlerweile zugelegt hatte. Dort steht, man solle Buchweizen ernten, wenn die Pflanzen die untersten Blätter verlieren und etwa 3/4 der Körner fest und reif sind. Weil die trockenen Körner sehr leicht ausfallen, soll man die ganzen Pflanzen taufeucht schneiden, sofort dreschen und dann erst trocknen.

Das habe ich im letzten Herbst also erstmals gemacht. Jedenfalls teilweise. Denn nach dem Schneiden kam mir irgendwas dazwischen und als mir nach drei Tagen wieder einfiel, dass ich da ja noch was dreschen muss, roch es schon sehr unangenehm. Ich schrieb den Buchweizen für 2015 also ab und verteilte die Reste auf einem der geplanten Kartoffelbeete, nach dem Motto: Keimt noch was, ist es Mischkultur, keimt es nicht, ist es Mulch. Es keimte was – und zwar ganz ordentlich. Die jungen Buchweizenkeimlinge ließen sich auch durch die wachsende Kartoffelpyramide nicht einschüchtern, sondern wuchsen – ebenso wie die Kartoffeln – einfach weiter. Die Pflanzen in den äußeren Ecken verloren allerdings irgendwann etwas die Haltung, weil die Stängel so lang wurden. Vielleicht hätten sie eine Rankhilfe wie Erbsen gebraucht?

Na wie auch immer, nun wurden die unteren Blätter wieder gelb und die Körner waren auch schon größtenteils reif. Also dieses Jahr brav geschnitten und direkt gedroschen. Vielleicht habe ich das „taufeucht“ etwas zu wörtlich genommen, jedenfalls war es ein ziemliches Elend, die Körner hinterher aus dem durchfeuchteten Kissenbezug herauszuholen. Es sind auch nicht alle abgegangen, so dass ich hinterher doch noch einmal per Hand nachzupfen musste. Über die Reife scheint das Lösen oder Nicht-Lösen der Körner nichts auszusagen, denn teils fielen auch die grünen Körner (viel zu) leicht ab, teils hingen selbst die eindeutig reifen, silbergrau-braunen Dreiecksfrüchte ziemlich fest. Hinterher die losen Stängel- und Blattreste rauszusieben war auch noch eher lästig. Nutzerfreundlich ist dieses Pseudogetreide nicht gerade!

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Naja. Die meisten Körner sind jedenfalls reif. Und die Kartoffelpyramide ist auch wieder zum Vorschein gekommen.

Aber nun habe ich eine erste Fuhre selbst angebauten Buchweizen, die es sich zu mahlen lohnt. Nach dem Trocknen. Wie genau das vor sich gehen soll, weiß ich noch nicht. Muss man Buchweizen vor dem Mahlen schälen? Na, Prost Mahlzeit! Ich werde da noch ein wenig recherchieren. Falls jemand bereits Erfahrungen hat, immer gern her damit.

Das wiederum zum Mulchen beiseite gelegte Grünmaterial roch übrigens schon nach einigen Stunden genauso komisch wie im letzte Jahr die ungeplante Silage. Gehört also möglicherweise einfach zur trocknenden Pflanze dazu.

Zu meiner Ehrenrettung sei abschließend noch erwähnt, dass die dreieckigen Körner tatsächlich an Miniatur-Bucheckern erinnern. Und dass Buchweizen in der Tat mit dem Knöterich verwandt ist. So befand ich mich zwar jahrelang im Irrtum, aber zumindest ein Körnchen Wahrheit war dabei! 😉

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