Bagger auf Abwegen

Zieht aufs Land, haben sie uns gesagt, da ist es schön ruhig und friedlich, haben sie gesagt. Ist natürlich Quatsch. Auf dem Land ist die Hölle los. Pausenlos muhen irgendwelche brünftigen Kühe, zwitschern übermütige Vögel, rauscht der Bach, kläffen die Hunde. Bei schönem Wetter ertönt außerdem das anheimelnde Brausen übermotorisierter Zweiräder, die extra wegen der schönen kurvigen Straßen zu uns kommen, oder das enervierende Brummen von Kantenschneidern, Heckenscheren, Laubbläsern und anderen Spielzeugen für Große. Und wenn man abends meint, jetzt wäre aber doch endlich mal Feierabend, quietscht das Käuzchen wie ein abgestochenes Schwein.

Neben all diesen Alltagsgeräuschen gibt es aber auch gelegentlich noch Überraschungen. Etwa in der Nacht von Freitag auf Samstag, als plötzlich ein Tiefflieger über die Schafweide zu fliegen schien. Das Geräusch war im Halbschlaf schwer zuzuordnen und auch nicht richtig zu orten, irgendwann wurde es dann leiser und so schliefen wir weiter.

Am nächsten Morgen… lag eine Weide weiter ein Bagger im Bach.

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Den Spuren zufolge ist er den Feldweg entlang gefahren (und nicht etwa über die Schafweide geflogen, wie wir so naiv angenommen haben), hat dort ein paar Bäume entwurzelt, scharf gebremst, ist auf die Weide im Wald abgebogen und dort beim Versuch zu wenden dem bescheidenen Bachbett zu nahe gekommen, woraufhin er die Böschung hinuntergestürzt ist. Vom Fahrer keine Spur (zum Glück lag auch niemand drunter), das Ganze ist ein Rätsel.

Auch für die Polizei, die nach einer Weile auftauchte, die Straße zuparkte und keinem erzählte, was überhaupt los war. (Wir fanden es dann durch strategisches Spazierengehen selbst heraus, so richtig unauffällig ist so ein warnfarbener Bagger ja nun nicht.) Eine Befragung potenzieller Zeugen fand nicht statt. Nun, ich will den Staatsbeamten ja nicht vorschreiben, wie sie ihren Job zu machen haben, auch wenn es von außen vielleicht so aussieht, als würden sie die Gelegenheit nutzen, drei Stunden in der Sonne zu stehen und zu plaudern.

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Nach einer Weile tauchte dann auch der Besitzer des Baggers auf, ein Bauunternehmer aus dem gar nicht so unweiten Solingen. Dort in Grunewald war der Bagger offenbar entwendet worden. Wie er nun aber ausgerechnet in unserer verschlafenen Gegend geendet war, war keinem so recht klar. Da am Freitag letzter Schultag der Abiturienten war und man die dazugehörigen Reifezeugnisse ja zur Genüge kennt, ist die gängige Theorie, dass betrunkene (?) Jugendliche dahinter stecken, wobei ich dann doch voll der heimlichen Bewunderung bin, dass sie offenbar unbemerkt und unfallfrei von Grunewald bis hierhin gekommen sind. Das hätte ich weder vor noch nach den Abiprüfungen geschafft, und die heutigen Abiturienten sind ja sogar noch jünger, Chapeau…

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Der Besitzer der Weide, seines Zeichens Wehrleiter der örtlichen Feuerwache, vergewisserte sich derweil, dass keine Betriebsstoffe aus dem Bagger ausliefen oder zu irgendeinem Zeitpunkt ausgelaufen waren. Da er seinem altehrwürdigen Lanz nicht zumuten konnte, das Baustellengerät wieder aufzurichten, musste es erst einmal liegenbleiben und war das Wochenende über eine Touristenattraktion, von uns Einheimischen poetisch als „waidwunder Dinosaurier“ bezeichnet.

Am Montag erreichte der Katastrophentourismus dann seinen bescheidenen Höhepunkt, als schweres Gerät anrückte, um den Bagger aus seiner misslichen Lage zu befreien. Mittels Stahlseilen und Winde, Stützschilden und Turbotraktoren sollte der Dinosaurier wieder aufgerichtet werden. Zu diesem Zweck mussten natürlich wieder allerlei wichtige Besprechungen stattfinden. Ein Mensch von der unteren Wasserbehörde schnauzte außerdem alle Anwesenden an, dass sie gefälligst Bindemittel zu streuen, das Glas aufzusammeln usw. hätten. Die Wünschelrute, das Horoskop und die Gestirne mussten wohl auch noch befragt werden. Die Nachbarschaft brachte derweil ein Trankopfer in Form eines Kastens Bier, den der neue Pächter der Reitanlage dankenswerterweise stiftete. Dann endlich kam die von den Auguren festgesetzte Stunde. Die Winde zog an, und der Bagger richtete sich so einfach auf, als hätte er schon sehnlichst darauf gewartet. Lag sicher an der gewissenhaften Vorarbeit.

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Ein wenig ramponiert sah das gute Stück allerdings schon aus, man traute ihm denn auch nicht mehr zu, sich aus eigener Kraft nach Hause zu bewegen. So wurde unser Dinosaurier also abgeschleppt und die fachkundige Nachbarschaft zerstreute sich wieder in die jeweiligen Höhlen. Nun sind wir natürlich alle gespannt, ob wir irgendwann doch die ganze Geschichte erfahren werden. Waren es wirklich Jugendliche? Der Osterhase? Oder doch die Illuminati? Und warum zum Geier klaut jemand einen Bagger, um ihn dann auf einer Weide am Waldrand zu „verlieren“?

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2 Antworten zu “Bagger auf Abwegen

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